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BERLIN

Carola Ernst
[Os · zil · la · ti · on]
Opening: 16.9.2022, 4 – 9 pm

Stromateis

Seit der 15.documenta in Kassel ist es gefährlich geworden Wimmelbilder zu malen. Als Kunsthistoriker sprach man früher vom „Horror vacui“ von Boschs und Breughels Menschenaufläufen oder von Altdorfers Alexanderschlacht. Aristoteles meint damit noch die überbordende Natur, was ihm 2000 Jahre später der Blick durchs Mikroskop bestätigte. Wo viel drauf ist, kann man auch etwas entdecken. Was Kindern Freude macht, das gefällt auch Journalisten. Pornographische oder anstössige Details wie Geschlechtsteile und Judensterne auf Wimmelbildern zu entdecken, scheint subversiver als immer nur das Gewimmel der toten Fische oder die Leichen der Attentate und Kriege in der Realität zu betexten. Es ist die „Wirkmacht“ des „Narrativs“, um es mit zwei modischen Begriffen zu charakterisieren, Wortchimären, die pathetisch deutsch oder latinisierend antiquiert schon längst Eingang in den wissenschaftlichen Diskurs gefunden haben.

Exhibition invitation

Auch die Künstlerin Carola Ernst lässt es wimmeln und wuseln. Aber es werden daraus keine Wimmelbilder. Es sind weder Pantoffel- oder Wimpertierchen noch sind es postkoloniale Relikte der Diffamierung, die da zucken und zappeln. Ihre fragmentarische Gestaltenwelt entwickelt sich vielmehr aus dem energetischen Entäußern im Zustand der künstlerischen Ekstase. Alles oszilliert im Wimpernschlag der Natur. Alles muss raus, fordert der Sommerschlußverkauf, aber dies forderte schon die Ekstase der antiken Mysterienkulte ein. So offeriert, oder besser, offenbart Carola Ernst nicht nur Linien, Knäuel und Flecken, sondern auch innere Gegenstände wie Tiergesichter, Schlangen und Augen. Vielleicht wurden die abstrakten Linien-Wirrsale erst im nach hinein personalisiert und vergegenständlicht, vielleicht auch von Anfang an mitgedacht. Kollektiv verstehbare Bilder werden oft nicht geschaffen, sondern nur quasi freigelegt. Nicht nur die Sterne schauen uns als Bilder an, sondern auch die Gesteinsadern polierter Marmor- und Granitplatten. Nicht immer, aber mit Einbruch der Dämmerung, und je nachdem, worin der Geist und das Wissen geschult sind. Die Phantasiegebilde, die schon Leonardo da Vinci auf buntgefleckten Mauern zu sehen glaubte und als künstlerische Anregung empfahl, durchziehen die Kunstgeschichte von der Steinzeit bis heute. Nicht von ungefähr hat Picabia 1929 seine Linienbilder auch nach dem Vorbild sich überlagernder Tierzeichnungen prähistorischer Höhlenmalerei gemalt. Und Sigmar Polke wußte, dass Eingebungen aus den unscharfen Fotografien der Spiritisten für ihn mehr Bedeutung hatten als etwa die Aktmalerei der Düsseldorfer Akademie. So könnte man ein Bild wie Violet New Land von 2021 in seiner Abstraktion als naiver Kunstbetrachter mit „informel“  bezeichnen, wenn man den Begriff auch nicht mit dem Informel der deutschen fünfziger Jahre vergleichen wollte. Im Jahre 2022 können Informel und Surrealismus nicht aussehen wie sechzig Jahre zuvor. Die medialen Bildwelten der Gegenwart lassen den mediativen Geist des freien Zeichnens und Malens fast noch stärker hervortreten. Die geballte Ladung von Ölmalerei, Ölkreide, Acryl, Graphit, Aquarell-Wachspastell und Tusche ist niemals Geste oder Abstraktion, nie figurativ oder expressiv. Diese Malerei hat mehr mit dem Begriffsfeld des Strömens zu tun, dem Verknüpfen von Zeit und Raum, eine Suppe, in der fragmentierte Archetypen wie Fettaugen schwimmen können. Der frühchristliche Philosoph Clemens von Alexandria benannte sein Hauptwerk Stromateis – Teppiche. Er verknüpft darin Platonismus, Gnostik und christliche Ethik zu einem Geflecht. So stelle ich es mir auch bei Carola Ernst vor. Die Strömung wirbelt dunkle Elemente mit lichten durcheinander zu einem Gewebe der Bewußtwerdung.

Veit Loers
Busette, Italien 2022

Galerie Berlin
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10709 Berlin

HAMBURG

tba

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