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BERLIN

Jonas Hofrichter, Georg Juranek,
Anna Möller, Martin Neumaier,
Manfred Peckl, Solveig Schmid

land & karte
Eröffnung: 26.11.2022, 16 – 21 Uhr

Text by Cora Waschke english

PDF of the exhibition.

Jonas Hofrichter & Anna Möller

„Die Karte ist interessanter als das Gebiet“ postuliert der Künstler Jed Martin zu seinem Werk, das Ausschnitte eines Straßenplans mit den Satellitenaufnahmen selbiger Koordinaten kombiniert. Jed Martin ist der Protagonist von Michel Houellebecqs für den Kunstmarkt wenig schmeichelhaften Roman Karte und Gebiet (2010). Geschmeidiger lässt der Ausstellungstitel land & karte – durch das sowohl verbindende als auch trennende „Und“ – sogleich an die Landkarte wie an das Land auf der einen und die Karte auf der anderen Seite denken. Folgen wir Jed Martin und fragen uns selbst: Was macht das eine oder andere spannender für die Kunst, was ist ihr näher? 

Manfred Peckl & Georg Juranek

Zunächst ist die Karte ein Bild der Umgebung. Mit ihrer reduzierten Darstellung aus farbigen Linien und Flächen ist sie eine abstrakte Übersetzung der Wirklichkeit durch den Menschen. Damit berührt sie den Bereich der künstlerischen Gestaltung. Allerdings geht sie nicht auf die freie Ausdrucksweise und Empfindung eines Individuums zurück, sondern ist eng an Vorgaben und Funktion gebunden. Das Land selbst hingegen ist relativ unübersichtlich, unwägbar und unvorhersehbar – eine nicht versiegende Inspirationsquelle für die Kunst. Aber es ist, profan gedeutet, autorlos und darin wie in seiner totalen Offenheit, in seiner unendlichen zeitlichen und räumlichen Dimension kein Kunstwerk. Was dieser Komplex für die Kunst bereithält, ist das widerstreitende Zusammenspiel: das zwischen dem Land und seiner Karte, zwischen Vor- und Abbild, Freiheit und Kontrolle, Weite und Grenze, zwischen Erwartung und Erfüllung… Auf diesem Gebiet bewegt sich die Ausstellung mit ihren Werken.

Anna Möller & Manfred Peckl

Durch Gummibänder zusammengeknautschte und fixierte Papiere erweisen sich als Keramiken in einem Zustand totaler Erstarrung. Mit dem Titel The Great Unpaid Laborer of the World (Porcelain Rubber Dust), 2016/2022 liest sich dieses Werk von Anna Möller als ein Sinnbild für die weltweit prekären weiblichen Arbeitsverhältnisse. Gesellschaftliche, physische wie ästhetische Gegensätze finden sich auch in den Fotoarbeiten der Künstlerin.
Adventure 3 ist die reduzierteste der an Pinocchios erinnernden Holzskulpturen Jonas Hofrichters. Aus dem Loch eines schwarzen Sockels wächst eine phallusartige Lügennase, die abrupt wieder zurückfällt, bevor sie erneut ansteigt. Die beharrliche Behauptung von Wachstum als Zeichen von Potenz wird hier als glatter Schwindel anschaulich.

Solveig Schmid & Martin Neumaier

Manfred Peckl greift in seinen Arbeiten aus dem Jahr 2018 direkt auf kartographisches Material zurück. Alte Atlanten sind streifenförmig oder wellenartig zerschnitten und so zusammengesetzt, dass das anschauliche Bild einer Landschaft mit Horizont entsteht. Die Bezeichnungen von Staaten und Ozeanen flottieren frei in dieser ästhetischen und poetischen Umbildung des Exakten.
In der Collage von Martin Neumeier trägt ein Affe den Erdball wie eine Trophäe aufgespießt, wo sich der Globus zu entzünden scheint. Bezeichnenderweise hält das an der realen Vernichtung unseres Planeten unschuldige Tier einen Apfel, was es symbolisch mit dem Sündenfall der menschlichen Eva in Verbindung bringt.
Es brennt auch in der interaktiven Collage Burning Citadel Europe von Georg Juranek. In der Rolle des Feuers kann der wie in einem Videospiel agierende User sowohl destruktiv als auch produktiv in Ökosysteme und Industrien eingreifen. Hintergrund des chaotischen Geschehens bildet die sich ständig verändernde Karte Europas als eigener, topologisch arrangierter Planet.
Solveig Schmids Malereien lösen sich auf andere Weise von festen Zuordnungen. Die leuchtenden, organisch verlaufenden Farbflächen mögen an Aufsichten von Flussläufen oder Landstrichen erinnern. Vielmehr öffnet sich hier aber ein poetischer Raum, der innere Landschaften zum klingen bringt. 
Und damit befinden wir uns dann sicher auf dem Terrain der Kunst. 

Cora Waschke
Berlin 2022

Solveig Schmid & Jonas Hofrichter

Galerie Berlin
Schweidnitzer Str 17
10709 Berlin


HAMBURG

Jarmila Mitríková & Dávid Demjanovič
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