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Mascha Naumann
Radical Tenderness

Eröffnung: 4.9.2026, 18 – 21 Uhr

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( ) s-p-a-c-e

Franco Berardi, Breathing: Chaos and Poetry: „The bridge over the abyss of absence of meaning can take many forms: falling in love, tenderness, collective creation, hallucination, and movement. These forms give birth to the physical experience of meaning. Meaning is not a presence, but an experience.“ (2018, S. 145).

Picture by Callum Leo Hughes

Die Ausstellung Radical Tenderness ist Mascha Naumanns erste Einzelausstellung in Berlin seit dem Abschluss an der UdK, Universität der Künste Berlin, im vergangenen Jahr. Zu sehen sind neue Mixed-Media-Arbeiten, die kollaborative Arbeitsprozesse hervorheben, zwischen dem Künstler*, Clubarbeiter und Forscher* Mascha Naumann, xan egger und deren kollektiver Praxis ( ) s-p-a-c-e, dem Fotografen und Künstler Callum Leo Hughes sowie verschiedenen anderen Kollaborateur*innen aus den Berliner Rave- und Subkulturen. Die Arbeiten untersuchen nicht-normative Realitäten, soziale Mobilität, gegenöffentliche Arbeitswelten in der Clubkultur und dissoziale Narrative der subkulturellen Praxis des Raving. Der Arbeitsprozess selbst hinterfragt Narrative von Ownership, Repräsentation, Verantwortung und Kontrolle und basiert auf der Einzigartigkeit von subjektiv-kollektiven Beziehungen und Vertrauensverhältnissen.

In der Übertragung in einen neoliberalen Mainstream verliert eine queere Praxis ihre soziale Bedeutung, die zwischen Widerstand und Resilienz oszillieren muss, um wirksam zu bleiben. Von der kollektiven Arbeit der Aufhebung von Grenzen und Binaritäten wandelt sie sich zu einem performativen Akt, der nicht nur (Hetero)normativität wieder einführt, sondern auch das hegemoniale ästhetisches Konzept der Differenzierung reproduziert. Von einer übersättigten Mittelschicht und einer informierten kulturellen Elite performativ als Mittel der Abgrenzung durch Kategorisierung und Strukturierung missbraucht, präsentiert sich Queerness heutzutage oft als strategische Identitätspolitik, wird kommodifiziert und kommerzialisiert. Ihre dissoziale Wirkung wird intellektualisiert. Als Konzept des straighten Denkens verliert sie dabei ihre Handlungsmacht. Durch eine systemische Klassifizierung wird sie bewegungsunfähig, verstrickt sich in den Strukturen der Macht und erweist sich dabei als als harmlos (sie richtet keinen Schaden mehr an). Marginalisierung wird zum Image – zum symbolischen Kapital, das nur noch innerhalb exklusiver Blasen der Distinktion zirkuliert. Negative Erfahrungen werden durch positivistische Repräsentation überschrieben und von Subjekten beansprucht, die diese Erfahrungen nie gemacht haben. Auch die Kunstindustrie interessiert sich selten für etwas anderes als die Integration des Außen, des Fremden in ihren eigenen Kanon. Sie eignet sich die subkulturellen und counterkulturellen Codes der Outsiders und Misfits an, stellt diese aus, fetischisiert sie und agiert dabei ausbeuterisch. 

Die sozialen Praktiken der Präsenz und Verbundenheit, welche Sichtbarkeit, Attraktivität, Affirmation und die Mechanismen der Ökonomie der Aufmerksamkeit ablehnen, werden zu leeren Signifikanten in einem diskursiven oder ökonomischen Raum. Der hegemoniale Kunstkanon entzieht ihnen die counterkulturelle und dissoziale Bedeutung, verschiebt sie ins Symbolische (Status, Wert) und hegemonialisiert die Narrative.

Der Ausstellungstitel Radical Tenderness bezieht sich auf eine Praxis, die Gegenwärtigkeit, Präsenz, Bewegung, Verbindung – die Anwesenheit der Körper – einfordert,  physisch und emotional, als fürsorgliche Fremdkörper innerhalb der Gesellschaft. Als antirepresenative und unsichtbare Praxis erfordert diese Zärtlichkeit Kinship, Verletzlichkeit, (Verantwortungs)bewusstsein und Empathie. Sie ist jedoch nicht zu verwechseln mit dem neoliberalen Konzept von Subjektivität und Self-Care oder der hyperrepräsentativen Narration von Community als Akkumulation von sozialem und kulturellem Kapital in einer Opferrolle. Diese soziale Praxis entfaltet sich vielmehr in alltäglichen Handlungen der Verbundenheit und des Mitgefühls. Innerhalb transfeministischer und dekolonialer Gemeinschaften von Aktivist*innen entstanden und besonders beeinflusst und geprägt von Dani d’Emilia sowie transnationalen Kollektiven wie La Pocha Nostra, Gesturing Towards Decolonial Futures und Mary Nardini Gang, erinnert uns die verkörperte Praxis der Radical Tenderness daran, dass wir Sinn nicht in Konzepten und Idealen finden, sondern in gemeinsamer Präsenz, intersubjektiven Interaktionen und dem (Un-)Behagen gelebter Erfahrungen.

Die Ausstellung fordert (hetero)normative Machtdynamiken heraus, indem sie Unbehagen und Bedrängnis sowohl in die hegemoniale Gesellschaft zurückspiegelt als auch innerhalb der queeren Community bezeichnet und markiert. Reappropriation und Konfrontation entlarven den Blick der Überlegenheit, der marginalisierten Subjekten aufgezwungen wird, und schaffen Raum für eine beunruhigende und überraschende Erfahrung der Entfremdung (Othering). Die Auseinandersetzung mit dem Anderen erzeugt körperliche Spannung – Nähe kann dabei schwer zu ertragen sein. Intimität und Geborgenheit lassen sich nur durch persönliche und kollektive Verletzlichkeit erfahren, nicht durch mutmaßliche und arbiträre Akte der Grenzsetzung.

Mary Nardini Gang, Criminal Intimacy: „We must make ourselves bodies without organs. Within each of us is contained a virtual pool of everything we are capable of becoming—our desires, affects, power, ways of acting, and infinite possibilities. To embody and activate these possibilities we must experiment with the ways our bodies act in conjunction with others.“ (2009).

Quellen:

Berardi, Franco. 2018. Breathing: Chaos and Poetry. Los Angeles: Semiotext(e).
Mary Nardini Gang. 2009. Criminal Intimacy. The Anarchist Library.
https://theanarchistlibrary.org/library/mary-nardini-gang-criminal-intimacy. Zugegriffen am 06. August 2026.

Galerie Berlin
Schweidnitzer Str 17
10709 Berlin

Opening hours:
Wed – Sat: 12 – 6 pm