Alexander Wolf

"Ein Herz brennt in der Dunkelheit“

Eröffnung: 20.03.2015
Dauer: 21.03. – 01.05.2015

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Ein Herz brennt in der Dunkelheit. Erneute Anmerkungen zum Werk von Alexander Wolf

Bei Betrachtung der Einladungskarte zur Schau Ein Herz brennt in der Dunkelheit dürfte der ein oder andere mit Kenntnissen vom Werk des in Wien ansässigen Künstlers Alexander Wolf zunächst irritiert sein. Der rührselig-sentimentale Titel ist von einer kitschig anmutenden Motivik umgeben: Aus einem roten Herz sprießt eine blaue Blume, die voller Lebenskraft leuchtet, und die zur Betonung dieser Energie noch zusätzlich von einer Aureole umgeben ist. Unweigerlich schwingt Pathos beim Wortpaar „Blaue Blume“ mit, ist es doch das Symbol der Romantik schlechthin, steht sinnbildlich für Sehnsucht nach Geborgenheit und das metaphysische Streben nach Unendlichkeit. Der schöne Schein der Einladungskarte trügt, wie immer bei Wolf, der geradezu besessen hinter die Fassaden schaut.

Hauptprotagonistin der Ausstellung ist Maria Grengg. In Deutschland ist diese Autorin und Zeichnerin eher unbekannt, aber der ein oder andere wohl erzogene Österreicher mag sie kennen. Kinderbücher hat die 1888 geborene Niederösterreicherin auch illustriert. Wie schön dies klingt. Genauso wie der Titel von Wolfs Ausstellung, ein Zitat der Schriftstellerin. Doch wenn man allein bei Wikipedia recherchiert, fällt unweigerlich ein öffentliches Bekenntnis von Grengg auf, das sie voller Stolz zum Anschluss ihrer Heimat an das Deutsche Reich 1938 verkündete: „Als Adolf Hitler kam und uns nur mit seinem Herzen nahm, wußte ich beglückt, daß jetzt alles gut sei und das dieser seit je geliebte, größte Sohn meiner Heimat sie mir jetzt wiederschenkt.“ Wie die Schriftstellerin immer wieder betont, ging es in ihren Veröffentlichungen stets darum, die Ideen des Nationalsozialismus in künstlerischer Form zu vertiefen. Und so sind ihre Bücher durchzogen von rassehygienischen Auffassungen, die ihrer Ansicht nach zum idealen Menschen führen, der keine Schwächen, keine Behinderungen mehr offenbart. Das gefährlich Infiltrierende ihrer Schriften ist die Art der Formulierungen. Rührselig-sentimental schreibt sie, und man mag ihr sofort abnehmen, dass sie doch „nur“ das Böse vernichten, Krankheiten und das Ungesunde an sich bezwingen möchte. Grengg stilisiert sich als Übermutter von allem Lebendigen: „Der utopische Gedanke einer Friede-Freude-Eierkuchen-Rasse,“ wie Wolf bemerkt. „Wie ein schönes, gesundes Blumenbeet! Gepflegt und gehegt von einer aufopfernden Gärtnerin!“

Fleißarbeit (2015) ist eine Tonnachbildung des Mutterkreuzes, jenem Orden, der während der NS-Zeit besonders gebärfreudigen Müttern verliehen wurde. Die goldene Variante – daneben gab es noch die silberne und bronzene – erhielten Frauen ab dem siebten Kind. Wolfs Kreuz ist grün, in der Farbe der Hoffnung bemalt, das Hakenkreuz ist durch eine Blume ersetzt, und anstatt „Der deutschen Mutter“ steht geschrieben „Wider Hass und Unflat“ – erneut ein Bezug zu Grengg, der die gefährliche Ambivalenz ihrer Haltung noch einmal vertieft: „Ein Leben war von mir gegangen, das sich wie ein sanfter Flügel gelegt hatte zwischen die grauenhafte Welt voll Hass und Unflat und mein eigenes Herz.“ Wohlbemerkt, die Autorin spricht hier von einem Hund. Für die Werkgruppe Fährnisse des Daseins (2015) besuchte Wolf den Wiener Zentralfriedhof, im speziellen die im Volksmund so bezeichnete „Babygruppe“, also den Bereich, auf dem kurz nach der Geburt verstorbene Säuglinge bestattet worden sind. Er betont, dass es sich bei den Kindern im Sinne von Grengg um „unwertes Leben“ handeln muss, da sie ja schon direkt nach der Geburt nicht lebensfähig waren. Dem Künstler zeigte sich auf dem Friedhof eine verwahrloste „Babygruppe“, die einem Schlachtfeld glich. Überall lag verrottendes Spielzeug. Die Gräber sind lange Zeit nicht gepflegt worden. Wolf betrieb behutsam Grabpflege und ersetzte defekte Windräder durch neue, „frischere“. Die sieben Objekte aus der Reihe Fährnisse des Daseins erinnern an solche Grabstellen oder Futtertröge und beziehen sich auf einige, der von Grengg in ihren Romanen kindlich beschriebenen Tiere: Rehkitz, Hund, Katze, Hase, Pferd und Kuh. Tierfiguren werden durch die von Wolf auf dem Friedhof entdeckten gebrochenen Windräder ergänzt – eine beängstigende Atmosphäre. Eines der Objekte verdeutlicht Grenggs allgemeine Liebe zur Natur, die auch die Steine mitberücksichtigt: „Nein, nicht nur die Menschheit allein, alles was lebt und was geborgen sein sollte, jede Blume im Wind, jedes junge Blatt im Frost und jedes kleine Tier inmitten der großen Fährnisse seines Daseins möchte ich behüten. Ich habe als Kind oft selbst die Steine als ein Lebendiges geliebt und habe für sie gebetet, weil so viele Füße auf sie treten und ihnen wehe tun.“ Man mag schon mit seiner Fassung ringen, bei soviel Liebe gegenüber den Steinen; vor allem vor dem Hintergrund, der von Grengg gut geheißenen Rassenhygiene, klingt der letzte Satz geradezu zynisch.

Wo vertieft sich also die Aktualität einer Maria Grengg ganz allgemein? Die Orientierung an kollektive Erlösungsmotive und der Glaube an die ideologische Modellierbarkeit des Menschen werden seit 1945 sukzessive abgelöst von dem Ideal individueller Selbstverwirklichung. Wissenschaft und Technologie, Massenmedien, digitale Netzwerke und ökonomische Zwänge prägen dabei den Menschen nachhaltiger, als es ihre Instrumentalisierung durch die Ideologien des „Neuen Menschen“ je vermocht hätte. Es heißt nicht mehr „A wie Apfel“, „B wie Baum“ und „S wie Solidarität“, sondern vielmehr „A wie Aggregat“, „B wie Barbie“ und „S wie Social Media“. Es sind schon lange nicht mehr die humanistischen Idealbilder, die die Menschen für die Zukunft vorbereiten, sondern vielmehr die technisch-medialen Anforderungen und Zumutungen. Stehen sich heute Teenager zum ersten Mal nackt gegenüber, sind sie erschrocken, weil das Gegenüber so gar nicht den digital überarbeiteten medialen Vorbildern entspricht. Was nun tun mit dem „unwerten“ Partner? Schließlich werden sämtliche Energien dafür aufgebracht, um den digitalen Idealen zu entsprechen. Da erschleicht sich sogleich ein beklemmendes Gefühl, als lauere hinter jedem zweiten Gebüsch eine kichernde Maria Grengg ...

Oliver Zybok